Biographiearbeit - Biography work

Photos:  © Blickweise Werner Krüper Fotografie

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Spaziergang im Sitzen - Konzept

 

„Spaziergang im Sitzen“ ist der Titel für eine Erzählrunde zur Biographiearbeit. Sie ist konzipiert für  Senioren - Besucher von Seniorenrunden in Gemeinden, oder Bewohner von  Alten- oder Pflegeheimen.

 

Ohne sich vom Stuhl fortbewegen zu müssen, können „Spaziergänge im Kopf“ unternommen werden – vor allem in die Geschichte(n) und somit die Biographien der Menschen selbst.

 

Im Unterschied zur konventionellen Biographiearbeit sind die Erzählungen, die Geschichte und Geschichten, die Figuren, Orte und Begebenheiten jedoch eine Mischung aus einerseits tatsächlicher Biographie der Menschen, die etwas dazu beitragen und andererseits Fiktion im Sinne von "gedichtete und zugleich dabei für möglich angenommene Gegenstände" (E. Kant: Kritik der reinen Vernunft).

 

Individuelles und auch gemeinsames Erinnern ist das primäre Ziel dieses Projektes – jedem Teilnehmenden die Möglichkeit zu geben, sich – ganz unabhängig von den anderen – zu erinnern, und dann, wenn er /sie möchte, den anderen davon zu erzählen.

 

Dass aus diesen Erlebnissen neue Geschichten entstehen, man selbst Protagonist einer Geschichte wird, ist ein positives Erleben und Stärkung des Selbstbewusstseins.

 

Die eigene Biographie im Überblick oder auch in kleinsten Episoden jemanden aus einer jüngeren Generation zu erzählen, gibt den Menschen außerdem die Möglichkeit, sich als Individuum und Persönlichkeit mit einer ganz individuellen Geschichte in der doch oftmals gleichmachenden Alltäglichkeit zu erleben.

 

Das sekundäre Ziel ist die Anregung zu Gesprächen in Bezug auf das eigene Leben „damals“ untereinander, das durch das Ernstnehmen der eigenen Geschichte durch jemanden von außerhalb während der Erzählrunde entsteht.

 


Spaziergang im Sitzen - Projektbeschreibung

 

Der „Spaziergang im Sitzen“ bietet für die Teilnehmenden die Möglichkeit sowohl aktiv als auch passiv zu sein. Mit den angebotenen Methoden wäre es im schwierigsten Fall möglich, dass ich die Geschichte auch erzähle, ohne dass jemand aktiv etwas Eigenes einfließen ließe - was in der Biographiearbeit mit dementiell erkrankten Menschen immer wieder schon von Bedeutung war.

 

Die Grundprämisse dabei ist, dass wir nicht wissen, was im Kopf der einzelnen vor sich geht, und wir somit auch nicht wissen können, ob die Geschichten nicht dennoch ein Erinnern hervorrufen, auch wenn es nicht offensichtlich zu erkennen ist.

 

Wichtig nach jeder Geschichte ist es mir, mich bei denjenigen, die etwas aus ihrer Biographie beigetragen haben, und sei es noch so klein, dafür zu bedanken, um es zu würdigen und jedes kleine biographische Moment das preisgegeben und beigesteuert („geschenkt“) wurde, ernst zu nehmen.

 

Die Geschichten entstehen in Zusammenarbeit: Anhand verschiedener Methoden frage ich nach Protagonist, Ort(en) der Handlung, Stimmungen, Wendepunkten der zu erzählenden Geschichte. Je nach Vertrauen (durch Kontinuität bereits entstanden oder in neuen Erzählrunden noch nicht stark vorhanden) frage ich dann nach, um mehr (für die Geschichte an Anhaltspunkten) zu erfahren. Geht dies mühsam oder merke ich, dass der Teilnehmende lieber nicht weiter erzählen möchte oder in sich versunken ist bei dieser ersten Erinnerung, frage ich auch weiter in die ganze Runde. So steht derjenige / diejenige nicht als „Versager“ da, weil er sich nicht erinnern kann – oder laut will.

 

Wenn ausreichend Anhaltspunkte gesammelt sind (manchmal auch nur 5 Wörter), beginne ich eine erfundene Geschichte, in die ich alles packe, was mir erzählt worden ist.

 

Allen Methoden liegt zugrunde, dass möglichst eine Person zeitweise im Fokus stehen und erzählen darf und dass möglichst alles, was erzählt wurde, auch ernst genommen wird und in die Geschichte einfließt.


Von Bildern, Wort- und Buchstabenkarten bis hin zu Gegenständen und Materialien, die die Sinne ansprechen, können alle Teilnehmenden einbezogen werden.

 


Spaziergang im Sitzen - Biographiearbeit

 

„Erinnern, das ist vielleicht die qualvollste Art des Vergessens. Und vielleicht die freundlichste Art der Linderung.“ (E. Fried)

 

Wir alle erinnern uns ständig. Allerdings verändert sich Erinnerung im Lauf der Zeit. Der Lebenslauf wird subjektiv gedeutet, ist fragmentarisch, individuell, nicht fix, wird z.T. auch umgedeutet und so „neu zusammengesetzt“ wie er uns in diesem Augenblick gut und richtig erscheint.

 

Dennoch benötigen beim „Spaziergang im Sitzen“ Erzählungen (oder Assoziationen) weder Widerspruch noch Korrektur. Die Erinnerungen wie sie in diesem Augenblick dargestellt werden sollen Grundlage einer Geschichte werden, da keinem „die Wahrheit“ zusteht und dem Erzählenden (= dem Erinnernden) vielleicht durch die Verarbeitung seiner subjektiven Erinnerung in eine allgemeine Geschichte neue Aspekte einfallen.


Mut machen, die Erinnerungen ernst nehmen und eine Zensur unterlassen sind die Grundlagen eines Gespräches zur Erinnerung aus dem dann später eine Geschichte entstehen wird.

 

„Wer eine Geschichte zu erzählen hat ist ebenso wenig einsam wie der, der einer Geschichte zuhört“ hat Sten Nadolny geschrieben. In Erinnerungen an Teile des eigenen Lebens nicht alleine zu sein, sie erzählen zu können und zugehört zu bekommen, ist das, was den „Spaziergang im Sitzen“ zu einer Methode der Biographiearbeit macht, von der alle Teilnehmenden profitieren können.



Biography work - "Spaziergang im Sitzen" ("Walk whilst sitting")


Concept

The ''walk whilst sitting'' is the title of a round of storytelling as a tool to work on biographies. It is designed for seniors - visitors from senior citizens´ groups in communities, or residents of nursing or old people's homes.

Without even moving from the chair, ''walks within our heads'' are possible - especially diving into the story/stories and this way the biographies of the people themselves.

In contrast to conventional biography work the narrations, the story and stories, the characters, places and happenings are however a mixture of the actual biographies of people, which contribute to it and in way fiction in the sense of ''made up words similar to poems, which at the same time might seem real as they are told'' (E. Kant: Critique of Pure Reason).

Primary aim of this project is the individual and collective recollection - to give each participant the opportunity - independent of anyone else - to remember, and then, if he/ she likes, share with others.

The more it is a positive outcome and empowerment of self-confidence, that through these experiences evolve new stories, and one gets to be protagonist himself.

To share your own biography fully or partially with someone of newer generations, is also an opportunity to live oneself as an individual and personality with its very individual story in the usually pretty similar everyday life.

Secondary, the aim is the stimulus to discussions within a group according to their own lives ''back then'', which is accomplished when someone outside of and during a round of storytelling takes the story being told seriously.


Project description

A walk whilst sitting gives participants the option to contribute either in an active or passive way. With the given methods it is possible, worst case, that I tell the story myself without anyone interfering actively - which is of great value, when it comes to biography work with people with dementia.

The main premise here is that we do not know what is going on in the head of the individual, so we cannot know whether the stories do not evoke a memory, even if it is not obvious.

It is of big importance for me to thank each, after every story, who contributed with something from their own biography, no matter how small the contribution is, to honor and cherish every small biographical moment that was exposed, which contributed and was gifted in a way.

The stories develop due to collaboration: With the aid of a variety of methods I ask for the protagonist, the place (s) of action, moods, and turning points of the story to be told.

Depending on the trust (already developed by continuity or not yet strongly present in new circles of storytelling), I then ask to find out more clues about the story. If this is tedious or I notice that the participant would prefer not to continue his story or sinks into his first memory, I go over to the whole round. Thus the person doesn´t stand out as the failure of the round, because he couldn´t remember or doesn´t feel like sharing it.

If enough clues are collected (sometimes 5 words are enough), I begin a fictitious story, filled with everything that I have been told.

All methods are based on the fact that as far as possible, one person should be in the focus of attention at times, and that if possible, everything that has been told is taken seriously and incorporated into the story.

From images, word and letter cards to objects and materials that appeal to the senses, all participants can be involved.


Biography work

"Recollection, possibly the most excruciating way of forgetting. And yet maybe the most amicable way of relief." (E.Fried)

We all remember, constantly. However memories change over time.

The course of life is interpreted subjectively, it´s fragmentary, individual, not fixed,  also reinterpreted and so "reassembled", whenever it seems like it and feels right.

Still, there's no need for contradiction nor correction when it comes to a walk whilst sitting and its narrations. Those memories, presented in that very moment should become the basis to a story, in which the truth appertains to no one and perhaps help to come up with new aspects to a general story through the processing of subjective memories.

Encouraging, taking those memories seriously and minding judgment are the foundation of a discussion of recollection based on which a story arises.


"Whoever has a story to tell is not lonely, just as the person who listens to a story is not", Sten Nadolny once wrote. Not being alone in ones memories of parts of the personal life, being able to share them, to be listened to, is what makes a walk whilst sitting a method of biography work, that all participants can benefit from.


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Spaziergang im Sitzen St.Matthäus Münche
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Spaziergang im Sitzen - Konzept & Presse
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Im Herbst 2006 habe ich in einigen Erzählrunden die Gespräche und Geschichten aufgenommen und zu einer CD zusammengefasst.

"Spaziergang im Sitzen" mit Bewohnern des Alten- und Pflegeheimes Sankt Maria Ramersdorf der Münchenstift gGmbH

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Blau - P - Sonne.mp3
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Grün - G - Spaziergang.mp3
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Marille.mp3
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Rot - I - Muschel.mp3
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